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·  Was ist Stimmenhören?
·  Stimmenhören ist keine Krankheit
·  Stigmatisierung
·  Stimmenhören bei Kindern und Jugendlichen
·  Erscheinungsformen und Anzahl der Stimmen
·  Was sagen die Stimmen?
·  Wie fingen die Stimmen an?
·  Auslöser der Stimmen
·  Einfluss der Stimmen
·  Was bedeuten die Stimmen?
·  Bewältigungsstrategien
·  Soziales Netz
·  Kriterien konstruktiver Hilfsangebote durch die Umwelt



Was ist das?

Stimmenhören

Stimmenhören ist eine besondere menschliche Wahrnehmungsform. Aufgrund einer besonderen Sensibilität hören viele Menschen Stimmen, d.h. real gesprochene Worte, die nur sie selbst und kein anderer wahrnehmen kann. Viele historische Persönlichkeiten, wie etwa, Hildegard von Bingen und Rainer Maria Rilke haben Stimmen gehört.

Die Stimmen können schreien oder kaum hörbar sprechen. Sie können manchmal nur einige Worte sagen oder stundenlange Dialoge führen. Sie weisen unterschiedliche Charaktere und Eigenschaften auf. Manchmal haben sie einen Eigennamen.

Auch die Inhalte, über die die Stimmen sprechen, sind sehr unterschiedlich. Sie können gemeine Dinge sagen, Aufträge erteilen oder das, was man denkt, fühlt und tut, kommentieren. Sie können völlig unbeteiligt Kochrezepte, Gebrauchsanweisungen oder Gedichte aufsagen und manchmal sogar in einer fremden Sprache sprechen. Die Stimmen können mit dem Stimmenhörer direkt sprechen oder ihn scheinbar gar nicht beachten. Sie können sich miteinander unterhalten, im Chor oder einzeln sprechen. Jede Stimme kann ein
Eigenleben haben.

Die Stimmen können warnen oder Helfer sein, sie können das Leben bereichern oder es auch fast unerträglich machen. zum Seitenanfang

Stimmenhören ist keine Krankheit

Im Rahmen des psychiatrischen Krankheitskonzeptes wird Stimmenhören als akustische Halluzination und als Zeichen einer psychischen Störung verstanden. In diesem Verständnis tritt es vorwiegend in Verbindung mit psychiatrischen Diagnosen wie Schizophrenie und dissoziativen Störungen, manischen Phasen, kurzen reaktiven Psychosen, Depressionen, Medikamente bedingte Störungen, Altersverwirrtheit, Alkoholismus und hirnorganischen Störungen auf.

Die Betrachtungsweise des Stimmenhörens als Symptom einer rein psychischen Erkrankung gerät mehr und mehr ins Wanken. Das holländische Forscherteam Marius Romme und Sandra Escher konnte in seinen Untersuchungen zeigen, dass es viele Menschen gibt, die Stimmen hören und damit keine Probleme haben (Romme und Escher 1997; Escher 2005).

Befragungen der Allgemeinenbevölkerung machen deutlich, dass Stimmenhören ein weitverbreitetes Phänomen ist. Drei bis fünf Prozent aller Menschen hören demnach Stimmen oder haben irgendwann einmal in ihrem Leben Stimmen gehört. Darunter befinden sich viele Menschen, die niemals eine psychiatrische Diagnose oder Behandlung erfahren haben (Romme und Escher, 1997).

Das Stimmenhören kann aber auch großes Leiden hervorrufen. Hilfsbedürftig ist oder wird man, wenn die Stimmen Angst erzeugen und das Handeln im täglichen Leben durch die Stimmen gestört und behindert wird. Hilfsbedürftig wird man auch, wenn man sich den Stimmen gegenüber hilflos und ohnmächtig fühlt. Der misslungene Umgang mit den Stimmen kann Menschen krank machen.

Betrachtet man das Stimmenhören außerhalb psychiatrischer Krankheitsbilder, stellt sich die Frage: woher kommen die Stimmen, warum tauchen sie auf?

Häufig ist es möglich, einen Zusammenhang zwischen den Stimmen und der persönlichen Lebensgeschichte eines Menschen oder eine Verbindung zu einer aktuellen Lebenssituation herzustellen. Die Stimmen können als eine Reaktion auf die Probleme eines Menschen angesehen werden, mit denen er konfrontiert ist und die er selbst nicht lösen kann.
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Was denken die Anderen darüber?

Stigmatisierung

Leider ist das Phänomen des Stimmenhörens nicht nur in der Vorstellung des Laien, sondern auch bei vielen Medizinern untrennbar mit einer psychischen Krankheit verbunden. Stimmenhören gilt noch oft als der Inbegriff des „Verrücktseins“. Stimmenhörer sind stark den Mechanismen der Stigmatisierung und Diskriminierung ausgesetzt. Das heißt, es bestehen gegenüber stimmenhörenden Menschen viele Vorurteile, sie werden verspottet, nicht ernst genommen, als Außenseiter angesehen oder als „nicht normal“ abgestempelt.

Um nicht als „verrückt“ zu gelten oder abgewiesen zu werden, verschweigen die betroffenen Menschen oft die Erfahrungen des Stimmenhörens und halten sie lange geheim. Die Vorurteile gegenüber stimmenhörenden Menschen und die Angst davor, als geisteskrank zu gelten, treiben viele Betroffene in die Isolation, ins soziale Abseits. Um das  zu verhindern, sprechen sie mit niemandem über ihre Erfahrungen.

Wie wichtig es ist, schnelle Zuschreibungen und Bewertungen zu vermeiden, zeigt die weltweit erste Studie zu auslösenden Faktoren und zur Prognose des Stimmenhörens bei Kindern und Jugendlichen von Sandra Escher und Mitarbeitern (2002a, 2002b, 2003, 2004). Sie konnte an Hand ihrer Untersuchungen zeigen, wie groß der Einfluss der sozialen Umwelt auf die Art und Weise ist, in der die Kinder mit Stimmen umgehen. Sandra Escher befragte in einer drei Jahre andauernden Untersuchung 80 stimmenhörende Kinder und Jugendliche über den Entwicklungsverlauf des Stimmenhörens.
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Was ist das?

Stimmenhören bei Kindern und Jugendlichen

Bei Kindern kommt Stimmenhören häufig vor. Für viele Kinder und Jugendliche, die mit ihren Stimmen aufwachsen, ist Stimmenhören normal. Die Stimmen können Begleiter und Spielkamerad, Ratgeber und Helfer sein. Diese Kinder bemerken meistens während des Älterwerdens, dass nicht alle Menschen Stimmen hören.

Die Stimmen können aber auch quälen, peinigen und Unheil androhen. In einem solchen Fall versetzen die Stimmen mit ihren Botschaften und Befehlen das stimmenhörende Kind in große Angst und Panik.

Stimmenhören kann von selbst wieder aufhören, aber manche Kinder und Jugendliche werden durch die Stimmen so sehr verwirrt und beängstigt, dass sie psychiatrische Hilfe brauchen.

Wie die Umgebung auf stimmenhörende Kinder reagiert, ist für die Art und Weise, wie die Kinder mit ihren Stimmen umgehen, von großer Bedeutung (Escher et. al, 2002a).

In der medizinisch psychiatrischen Fachliteratur wird Stimmenhören bei Kindern und Jugendlichen vorwiegend im Zusammenhang mit Störungen wie Schizophrenie, Angst und Depression, Migräne, Traumen, dissoziativen Prozessen und reaktiven psychotischen Episoden beschrieben (Escher, 2005).

Untersuchungen über das Vorkommen und den Verbreitungsgrad von Stimmenhören bei Kindern und Jugendlichen innerhalb der Allgemeinbevölkerung belegen, dass acht Prozent der Kinder und Jugendlichen Stimmen hören. Nur ein Drittel dieser Kinder hat darüber hinaus eine psychiatrische Diagnose (McGee, 2000).
Diese Zahlen sind sehr wichtig, denn sie weisen darauf hin, dass Stimmenhören bei dem größten Teil der Kinder keine krankmachende Erfahrung zu sein scheint. In der Mehrzahl der Fälle ist Stimmenhören nur vorübergehend und verschwindet auch ohne Behandlung.
wieder.

Aufgrund neuerer Forschungen und mit Hilfe von Selbsthilfegruppen entwickelt sich in letzter Zeit eine neue Betrachtungsweise gegenüber dem Stimmenhören. Nach dieser Betrachtungsweise ist Stimmenhören an sich eine normale und keine krankmachende Erfahrung. Wenn ein erfolgreicher Umgang mit den Stimmen misslingt, kann Stimmenhören aber zu psychischen Problemen führen, die der Behandlung bedürfen (Escher, 2005).

Ein erfolgreicher Umgang mit den Stimmen bedeutet:

  • das tägliche Leben wird durch die Stimmen nicht behindert
  • das stimmenhörende Kind fühlt sich den Stimmen gegenüber nicht hilflos und ohnmächtig
  • es kann auf die Stimmen einwirken

Um erfolgreich mit den Stimmen umgehen zu können, muss das Kind Fähigkeiten entwickeln, mit denen es Kontrolle über die Stimmen erlangt. zum Seitenanfang

Charakteristik von Stimmen

Erscheinungsformen und Anzahl der Stimmen

Oft gibt es nur eine Stimme, die immer nur das eine sagt, aber es kann auch eine Anzahl sehr unterschiedlicher Stimmen geben. Die Anzahl der Stimmen variiert zwischen einer und ganz vielen Stimmen. Manchmal kann ein stimmenhörendes Kind gut zwischen den einzelnen Stimmen unterscheiden, manchmal auch nicht. Die Anzahl der Stimmen hat weder einen Einfluss auf den Umgang mit den Stimmen, noch auf das Verschwinden bzw. auf die Fortdauer der Stimmen (Escher, 2005). Der Umgang mit einer Stimme scheint nicht einfacher zu sein, als der Umgang mit mehreren Stimmen.
Die Stimmen können männlich oder weiblich sein, sie können Tiere, Geister, Roboter und auch Gegenstände sein, die sprechen. Sie haben oft ein bestimmtes Alter, sind zum Beispiel erwachsen oder gleichaltrig, sind hundert Jahre alte Geister, sie können aber auch
alterslos sein.
Die Stimmen besitzen verschiedene Eigenschaften. Sie können freundlich, unterstützend, völlig neutral bis hin zu  belästigend, sehr belästigend sein. Manchmal sind die Stimmen dem Kind aus der Verwandtschaft, aus dem Freundeskreis oder Lebensumfeld bekannt oder erinnern an eine Person. Die Stimmen können aber ebenso völlig unbekannt sein.
Die Häufigkeit, mit der die Stimmen gehört werden, ist ebenfalls sehr unterschiedlich. Die Stimmen können ein bis zweimal jährlich, monatlich, wöchentlich, täglich, stündlich oder in jeder Minute anwesend sein.
Es gibt auch eine große Vielfalt, auf welche Art Stimmen gehört werden. Manche Kinder hören die Stimmen mit den Ohren, im Kopf, bei anderen kommen sie aus einem anderen Teil des Körpers, zum Beispiel aus den Beinen oder Armen. Bei wieder anderen Kindern kommen die Stimmen von außen in ihren Körper. zum Seitenanfang


Was sagen die Stimmen?

Die Art und Weise, in der die Stimmen sprechen, ist verschieden. Es gibt positive und freundliche Stimmen, die Ratschläge und Unterstützung geben, es gibt aber auch aggressive und unfreundliche Stimmen, die Angst machen, beleidigen, beschimpfen, bedrohen und Dinge befehlen. Die unangenehmen Stimmen können das Kind, als schlecht, nutzlos, böse, blöd, wertlos verhöhnen. Oft reden die Stimmen aber auch nur mit unbrauchbaren Kommentaren dazwischen, z. B. "das ist aber keine gute Idee" oder "das haut nicht hin". Manchmal rufen die Stimmen auch Anfälle oder Schmerzempfindungen hervor. Die Stimmen können zu den Kindern oder über die Kinder sprechen.

Im Verlauf der Entwicklung können die Stimmen ihren Charakter verändern. Aus einer freundlichen Stimme kann eine bösartige Stimme werden oder sie kann plötzlich beides zugleich sein, freundlich und böse.

Es ist wichtig, die Stimmen mit ihren eigenen Charakteren zu erkennen. Sie können aufgrund ihrer Eigenschaften auf vergangene Traumen und daran beteiligte Personen hinweisen oder auf Situationen, denen gegenüber sich das Kind machtlos fühlt. zum Seitenanfang


Wie fingen die Stimmen an?

Die Geschichte des Stimmenhörens und Ereignisse, die dem Beginn des Stimmenhörens vorausgehen

Der Zeitpunkt und die Lebenssituationen, in denen die Stimmen zum ersten Mal auftreten, ist von Kind zu Kind verschieden. Viele Kinder haben im Alter von vier bis acht Jahren einen imaginären Spielpartner oder unsichtbaren Begleiter, mit dem sie sich unterhalten, spielen, bei dem sie Anregung finden und dem sie sich mitteilen. Das ist eine normale Erscheinung. Manchmal tauchen Stimmen auf, wenn ein Kind sich alleine oder einsam fühlt, wenn z.B. ein neues Geschwisterchen geboren wird. Die Stimmen können dann trösten und über die schwierige Zeit hinweghelfen. Meistens verschwinden die Stimmen wieder, wenn sich die Situation normalisiert hat, manchmal können sie aber auch bleiben.

Bei vielen Kindern werden die Stimmen durch ein traumatisches Erlebnis hervorgerufen. Bei anderen Kindern besteht oft ein Zusammenhang mit Alltagskonflikten und Alltagsängsten.

Als Trauma kann der Tod eines Verwandten oder Freundes erlebt werden, Traumen können durch Unfälle, Misshandlungen, Schulwechsel, Umzüge entstehen.

Ein Trauma ist ein besonders belastendes Ereignis. Die Erlebnisse und Gefühle, die durch eine außergewöhnliche Belastung ausgelöst werden, entsprechen nicht unseren alltäglichen Erfahrungen. Es ist Merkmal eines Traumas, dass die Betroffenen nicht
auf gewohnte Art und Weise mit ihren Erlebnissen umgehen können. Die Gefühle, die sich daraus ergeben, sind sehr intensiv, unbekannt und können nicht eingeordnet werden. So kann die Unfähigkeit mit diesen heftigen, fremden Gefühlen umzugehen, Stimmenhören verursachen.

Welches Ereignis als Trauma erfahren wird, ist individuell sehr unterschiedlich. So kann etwa ein Schulwechsel für ein Kind emotional sehr belastend und zum traumatischen Erlebnis werden.

Ein Trauma kann sowohl zu körperlichen als auch zu emotionale Reaktionen führen. Körperliche Reaktionen (z.B. Erschöpfung) lassen meistens schnell wieder nach, die seelische Verletzbarkeit kann aber noch Jahre nach dem erlebten Trauma erhöht bleiben.

In der nachfolgenden Tabelle sind Lebensereignisse aufgeführt, die von stimmenhörenden Kindern als Trauma erlebt wurden.

Konfrontation mit dem Tod

Probleme zu Hause
Starke Spannungen mit den Eltern oder Geschwistern
Scheidung der Eltern
Umzug

Probleme in der Schule
Leistungsprobleme
Schulwechsel
Schikane

Andere Traumen/Probleme
Sexueller Missbrauch
Langer Krankenhausaufenthalt aufgrund gesundheitlicher Probleme
Geburtstrauma
unglücklich verliebt sein
Schwangerschaftsabbruch
Anästhesie
Gehirnverletzung aufgrund eines Unfalls

vgl. Escher (2005)

Gelingt es dem Kind, einen Zusammenhang zwischen seinen eigenen Gefühlen und den Problemen seiner Lebensgeschichte herzustellen, so werden die Erfahrungen
verständlicher und weniger fremd. Dies wirkt sich positiv auf die Art des Umgangs mit
den Stimmen aus.

Marius Romme und Sandra Escher beobachteten in ihren Untersuchungen bei Kindern und Erwachsenen, dass sich die Stimmen verändern können (in einigen Fällen verschwinden sie sogar), wenn das Trauma durchgearbeitet ist, und/oder sich die emotional belastende Situationen verändert hat. zum Seitenanfang

Wann und wo tauchen die Stimmen auf?

Auslöser der Stimmen

Im vorangegangenen Abschnitt wurden Lebensereignisse dargestellt, die dem Beginn des Stimmenhörens vorausgehen können.
Im Folgenden geht es nun um die Auslöser. Unter Auslöser der Stimmen versteht man zum Beispiel Situationen, Zeitpunkte und Gefühlszustände, bei denen Stimmen auftauchen. So erscheinen manche Stimmen z.B. nur an einem bestimmten Ort, wie in der Schule oder zu Hause oder nur zu einer bestimmten Zeit, z.B. am Abend. Und wieder andere Stimmen treten nur bei der Ausübung einer bestimmten Tätigkeit auf, wie beim Verrichten von Hausaufgaben oder beim Spielen im Freien. Stimmen können auch bei bestimmten Gefühlszuständen laut werden, zum Beispiel, wenn man sich alleine oder ängstlich fühlt, traurig oder wütend ist. Es gibt auch stimmenhörende Kinder, bei denen die Stimmen durch mehrere Auslöser oder durch eine Kombination von Auslösern hervorgerufen werden.

Die nachstehende Tabelle zeigt mögliche Auslöser des Stimmenhörens auf:

Ort, Zeit und Handlung als Auslöser für das Auftreten der Stimmen:

  • die Stimmen erscheinen an einem bestimmten Ort, z.B. in der Schule oder zu Hause
  • die Stimmen erscheinen zu einer bestimmten Zeit, z.B. am Wochenende oder am Abend, wenn das Kind zu Bett geht
  • die Stimmen erscheinen während einer bestimmten Handlung, z.B. bei den Hausaufgaben oder beim Spielen im Freien

Emotionale Auslöser für das Auftreten der Stimmen:

  • die Stimmen treten im Zusammenhang mit bestimmten Gefühle auf, z.B. bei Angst, Aggression, Traurigkeit, Müdigkeit, Ärger/Wut, Zweifel, Neid/Eifersucht, Glücklichsein

vgl. Escher (2005)

Das Erkennen der Auslöser bietet Kindern und Jugendlichen, für die das Stimmenhören eine Belastung ist, sowie deren Eltern und Lehrern die Möglichkeit, diese Auslöser zu verändern. In der Untersuchung von Sandra Escher berichten einige Kinder, dass die Stimmen verschwunden sind, nachdem die Auslöser, durch die die Stimmen hervorgerufen wurden, verändert wurden.

Im Allgemeinen scheint es für Kinder nicht so schwer zu sein, über Auslöser zu sprechen, die sich auf Zeit, Handlung und Ort beziehen. Schwieriger ist es für sie, über Gefühle zu sprechen, welche die Stimmen auslösen.

Zwei häufige Auslöser für Stimmen, die sich auf Gefühle beziehen, sind Unsicherheit und Zweifel. Die Stimmen üben einen Einfluss auf die Kinder aus, indem sie z.B. die Entscheidungen der Kinder verspotten (Escher, 2005). zum Seitenanfang

Was bewirken die Stimmen?

Einfluss der Stimmen

Manche Kinder hören sowohl negative als auch positive Stimmen.
Darüber hinaus kann der Einfluss der Stimmen auf die Kinder positiv oder negativ sein.
Ein positiver Einfluss ist zum Beispiel, darin zu erkennen, dass sich das Kind beraten, unterstützt und beschützt fühlt.
Ein negativer Einfluss hingegen ist darin zu sehen, dass die Stimmen das Kind ängstigen oder es dazu veranlassen zu lügen, zu stehlen, Streit anzufangen oder Dinge zu tun, die es gar nicht tun möchte.
Bei manchen Kindern tauchen die Stimmen nur in bestimmten Alltagsbereichen auf, etwa zu Hause, in der Schule oder bei bestimmten Tätigkeiten (z.B. Hausaufgaben). Bei anderen Kindern können sie jedoch in allen Lebensbereichen auftauchen.

Je intensiver die Stimmen sind, desto wahrscheinlicher ergeben sich für die Kinder zusätzliche Probleme. So ist es z.B. möglich, dass sie sich in der Schule nicht mehr richtig konzentrieren können oder/und für andere unverständliche Handlungen ausführen.

Probleme in der Schule können zum Beispiel sein:

  • Konzentrationsmangel
  • Verwirrung
  • fehlende Aufmerksamkeit gegenüber dem Lehrer
  • aggressives Verhalten

Probleme zu Hause können sein:

  • unverständlicher Rückzug
  • Verweigerung von Verhalten
  • aggressives Verhalten
  • auf Befehl der Stimmen lügen, stehlen
  • andere für die Familie unverständliche Verhaltensweisen

 

Manche Verhaltensweisen der Kinder sind eine Folgen des Stimmenhörens. Die Stimmen können die Kinder beispielsweise so wütend machen, dass sie anfangen, mit ihren Eltern oder Geschwistern zu streiten.
Je besser die Verhaltens- und Reaktionsweisen der Kinder von den Eltern und der Umwelt verstanden werden, desto besser können sie die Kinder in einem selbstbewussten Umgang mit den Stimmen unterstützen. zum Seitenanfang

Was bedeuten die Stimmen?

Sandra Escher zeigt, dass es für Kinder, im Unterschied zu Erwachsenen, weniger bedeutsam zu sein scheint, woher die Stimmen kommen.
Für die meisten Kinder sind die Stimmen ein paranormales Geschenk, eine besondere Gabe. Manche Kinder beziehen die Stimmen auf eine andere Welt, ordnen sie Geister zu oder beziehen sie auf die Religion. So können die Stimmen z.B. Schutzengel sein.

Für eine konstruktive Unterstützung ist es wichtig zu verstehen, wie sich das jeweilige Kind erklärt, woher die Stimmen kommen. Erst dann gelingt es eine Beziehung zu den Stimmen herzustellen und ist es möglich, über erfolgreiche Bewältigungsstrategien nachzudenken.

Wie man sich Stimmenhören erklärt, hängt vom theoretischen Bezugsrahmen ab. Viele Erwachsene haben zum Beispiel gelernt, dass Stimmenhören Symptom einer Krankheit ist, und betrachten das Stimmenhören deshalb als akustische Halluzination.

Nur eine sehr geringe Zahl der Kinder hat in der Untersuchung von Sandra Escher die Stimmen als Krankheit gedeutet. Diese Kinder befanden sich aber auch alle in psychiatrischer Behandlung (Escher, 2005). zum Seitenanfang


Was kann ich tun?

Bewältigungsstrategien

Das Hören von Stimmen kann für Kinder und Jugendliche vorübergehend sein, es kann sie aber auch lebenslang begleiten.

Ob die Stimmen über lange Zeiträume bleiben, hängt von der Häufigkeit des Stimmenhörens ab, d.h. wie oft ein Kind die Stimmen hört und auch von dem Ausmaß an Angst, Depression und Dissoziation, die durch das Stimmenhören hervorgerufen wird (Escher, 2002a, 2002b, 2003, 2004). Dieser Zusammenhang macht noch einmal deutlich, wie wichtig es ist, Bewältigungsstrategien für den Umgang mit den Stimmen zu entwickeln.

Viele Menschen - Kinder, Jugendliche und Erwachsene - hören Stimmen, ohne dadurch Probleme zu entwickeln. Dann sind die Stimmen Begleiter, Helfer und Unterhalter. Oftmals ist allein schon eine solche Information für viele Kinder Trost und Erleichterung. Das Wissen darüber: „Ich bin nicht der einzige Stimmenhörer auf der Welt, sondern es gibt viele Menschen, die Stimmen hören und damit umgehen können“, gibt ihnen Halt.

Wie bereits oben erwähnt, hören die meisten Betroffenen sowohl positive wie auch negative Stimmen. Viele stimmenhörende Menschen haben gelernt, eine für sie angemessene Umgangsform mit den Stimmen zu finden, denen gegenüber sie sich vorher machtlos gefühlt haben und die sie im alltäglichen Leben behindert haben.

Es gibt viele Bewältigungsformen. Alle dienen dazu, wieder Kontrolle über die Stimmen zu erhalten und Angst zu vermindern. Welche Bewältigungsform hilft und wirkt, ist individuell sehr unterschiedlich. Der Austausch stimmenhörender Menschen untereinander hat gezeigt, dass jeder seine eigene Ausdrucks- und Bewältigungsform entwickeln muss. So kann eine Bewältigungsform für den einen stimmenhörenden Menschen sehr wirkungsvoll sein, aber bei einem Anderen versagen. Jeder stimmenhörende Mensch muss ausprobieren, welche Art der Bewältigung hilft und nützt.

Im Folgendem werden einige Vorschläge gemacht:

Zum aktiven Bewältigungsverhalten gehört etwa:

  • das Wegschicken der Stimmen
  • das selektive Zuhören, d.h. das zeitweise Zuhören der Stimmen
  • mit den Stimmen eine Vereinbarung treffen
  • über etwas anderes nachdenken
  • Ablenkung suchen und sich mit etwas anderem beschäftigen
  • Tagebuch schreiben

Zu den passiven Bewältigungsversuchen, damit ist die nicht-direkte Auseinandersetzung mit den Stimmen gemeint, zählt:

  • das Ignorieren der Stimmen, z.B. laut Musik hören, um die Stimmen nicht zu hören
  • das Ausschimpfen der Stimmen
  • Rituale gegen die Stimmen durchführen, d.h. Ausführung von Handlungen, z.B. stundenlanges Beten
  • den Befehlen der Stimmen gehorchen, um sie beruhigen oder sie zum Schweigen zu bringen

Die passiven Bewältigungsformen strengen die Kinder sehr an und haben meistens nur einen kurzfristigen Erfolg.

Was hilft? - Zwei Fallgeschichten

Die nachfolgenden Erfahrungen von zwei Kindern aus den Untersuchungen von Sandra Escher können stimmenhörende Kinder und Jugendliche, Eltern und Therapeuten vielleicht anregen und ermutigen, kreativ in der Suche nach der passenden Bewältigungsform zu sein:

1) Ein stimmenhörender Junge richtete sich ein Computerspiel ein. In diesem Spiel verfolgte ein runder „Fressball“ ein Objekt. Der Junge stellte sich vor, dass dieses Objekt seine Stimme sei. Wenn er das Spiel spielte, fraß der runde Ball seine Stimme auf.

2) Ein anderer Junge hörte die Stimmen zweier Roboter. Er fertigte eine Zeichnung von den beiden Robotern und einer großen Injektionsspritze an. In seiner Phantasie gab er den Robotern eine Spritze, worauf sie verschwanden (vgl. Escher, 2005).
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Die Umwelt stimmenhörender Kinder und Jugendlicher

Soziales Netz
 
Stimmenhörende Kinder und Jugendliche leben in einer Gemeinschaft. Sie haben eine Familie, sie gehen zur Schule, haben Freunde und Hobbies. Die Stimmen können die Beziehungen zu diesen Menschen beeinflussen. Es können Probleme zu Hause oder in der Schule entstehen. Das Verhalten der Kinder ist für Außenstehende oft unverständlich.

Es mag für stimmenhörende Kinder hilfreich sein, wenn sie mit ihrer Umwelt über ihre Stimmen sprechen und davon erzählen können. Eine vertrauensvolle und Sicherheit gebende Umwelt, die Verständnis für die Erfahrungen der Kinder zeigt, kann Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, weniger Angst vor den Stimmen zu haben. Das öffnet einen Weg aus der Isolation. zum Seitenanfang


Kriterien konstruktiver Hilfsangebote durch die Umwelt

Stimmenhörenden Kindern kann am besten geholfen werden, wenn zwischen den Kindern und ihren Eltern, den Lehrern und professionell Tätigen eine vertrauensvolle Beziehung besteht.

Eine vertrauensvolle Beziehung beinhaltet, dass ohne Bewertung ein echtes Interesse an den Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen gezeigt wird.

Wichtig ist vor allem die Akzeptanz der Stimmen. Darunter versteht man, dass nicht-stimmenhörende Menschen akzeptieren, dass ein Kind Stimmen hört, die sie selbst nicht hören können.

Weiterhin ist die Förderung einer positiven Sichtweise auf die Erfahrungen des Stimmenhörens von großer Bedeutung.
Hier sei zur Verdeutlichung ein Beispiel aus den Untersuchungen von Sandra Escher aufgeführt:

Ein Junge, der sich in therapeutischer Behandlung befand, erzählte, dass die Stimme, die er hörte, Eigenschaften und Merkmale seines verstorbenen Großvaters besitze, den er sehr geliebt hat. Sein Therapeut entgegnete darauf: "Wenn es dein Großvater ist, dann denke ich, dass er dich jetzt nicht verlassen möchte."
Diese Erklärung beruhigte den Jungen, und er konnte sie annehmen.

Darüber hinaus sollte darauf geachtet werden, auf Fragen ehrliche Antworten und Reaktionen zu geben, und insbesondere die jeweiligen Grenzen zu respektieren.

Eine Behandlung für stimmenhörende Kinder und Jugendliche sollte zielorientiert sein.

Das bedeutet, innerhalb der Behandlung nach Bewältigungsformen zu suchen, und nach Möglichkeiten des Umgangs mit den Stimmen, um eine wirkungsvolle Kontrolle über sie zu erlangen. Eine Bewältigungsstrategie kann etwa in der Einübung des Fortschickens der Stimmen gefunden werden.

Stimmenhören ist für Kinder eine Erfahrung, über die gesprochen werden muss. Mangelt es an der Bereitschaft, mit den Kindern über die Stimmen zu sprechen, so leistet man der Entfremdung der Kinder von ihren eigenen Erfahrungen Vorschuss.

Meistens empfinden die Kinder aufgrund der Stimmen eine hohe Ängstlichkeit. Daher ist es für die Behandlung bedeutsam, das Sicherheitsgefühl des Kindes zu stärken und es dabei zu unterstützen, weniger Angst vor den Stimmen zu haben.

Ebenso wichtig ist es, eine Beziehung zu den Stimmen auf der Problemebene, auf der sie auftauchen, aufzunehmen. Gleichzeitig sollten auch die Gefühle, die im Zusammenhang mit dem Stimmenhören stehen, bearbeitet werden.

Die Behandlung sollte anstreben, die Ressourcen des Kindes zu stärken. Sie sollte auch Unterstützung bei der Ausweitung des sozialen Umfeldes anbieten.

Hilfe ist am effektivsten, je früher und vorsichtiger sie angeboten wird. Das beinhaltet, dass das soziale Umfeld einbezogen wird, dass der Ort und die Art der Interventionen möglichst wenig stigmatisierend wirken, und dass eine behutsame und problemzentrierte Diagnose erfolgt (Escher, 2002). zum Seitenanfang